Roadtrip nach Portugal – viel Teer und noch mehr Meer

27. Juni, Bad Aibling 16 Uhr Ortszeit

Nachdem wir die letzten Wochen etwas erfolglos versucht haben, uns wieder in der wellen- und meerlosen Heimat Oberbayern einzugewöhnen zerrt das Fernweh doch nochmal stark an uns. So beschließen wir, die verbleibenden knappen 2 Monate Auszeit noch voll auszukosten und uns auf die Suche nach den schönsten Wellen in Europa zu machen. Wir packen also unser ganzes altes sowie das neu mitgebrachte Equipment in unseren „Duke“ (Fiat Ducato)-Surfbus. Ist das schön, sich nicht mehr an Gepäckgrenzen oder flugtaugliche Equipment-Dimensionen halten zu müssen! Also alles rein in den Bus, ganz nach unserem altbewährten Moto „drin ist drin“. Durchdacht packen ist wohl leider immer noch nicht unsere Stärke. Hauptsache die Türen gehen noch zu und bleiben es, auch wenn etwas rohe Gewalt notwendig ist.

Da wir die letzten regnerischen Tage in der Heimat bei ausgelassenen Wiedersehens-Feiern natürlich gebührend begossen haben, sind wir dementsprechend ausgeschlafen und haben bereits auf den ersten 300 km (von insgesamt 3000) Probleme, die Augen offen zu halten, was einen „unvorhersehbaren“ Zwischenstopp am Gardasee zu Folge hat. Schlechter Zeitpunkt – heute spielt natürlich Italien in der Fußball-EM. Wir Armen sind also gezwungen das Spiel anzugucken und mitzufeiern, was unsere Schlafsituation wiederum nicht gerade verbessert. Am nächsten Morgen bläst der gute Vento zu seiner unmenschlichen Zeit um 6 Uhr morgens zum Glück nicht in gewohnter Stärke, sodass wir uns nach dem Frühstück gleich auf die Weiterreise nach Frankreich machen können.

Ein paar unplanmäßige Verfahrer, viele Red Bull bzw. Espressi und noch mehr nervige französische Mautstellen sowie gute 10 Stunden in brütender Hitze später erreichen wir pünktlich zum Abendessen Montpellier im Süden Frankreichs. Dort sind wir bei Mathieu, unserem Ex-Zimmernachbarn aus Maui zum Barbecue eingeladen, juhuuu. Die Freude über das Wiedersehen ist groß, die wundervollen Erinnerungen und hawaiianischen Surfgeschichten vom Maui-Aufenthalt zahlreich und so sitzen wir am nächsten Morgen nach einem megalustigen Abend natürlich noch fitter hinterm Steuer.

Den Umständen zufolge nehmen wir uns heute nur eine kurze Strecke vor und erreichen so nach gefühlten 300 Mautstellen nachmittags die spanische Grenze und anschließend Barcelona. Ziemlich platt und nur halb motiviert schleppen wir uns abends noch zum Sightseeing in die schöne Mittelmeer-Stadt. Wenn man schon mal da ist… Den Duke lassen wir beruhigt am bewachten WoMo-Stellplatz mit WC/ Dusche am Hafenpark „Forum“ stehen. Der Platz rühmt sich zu Recht für eine Top-Anbindung in die Innenstadt mit Tram-Station direkt vor der Einfahrt, sodass wir in nicht mal 30 Minuten im Zentrum sind (10er-Ticket Öffentliche für 12 Euro und pro Fahrt 1x stempeln = top und absolut ausreichend für 1-2 Tage Barcelona). In der Innenstadt angekommen übermannt uns dann doch die Müdigkeit, sodass wir nur wenige Meter schaffen und uns stattdessen am Kunstmuseum im Uni-Viertel einige Skater und Streetdancer ansehen, die mit Ihren Gliedmaßen recht amüsant, aber wohl nicht immer schmerzfrei den Asphalt polieren. Noch ein bisschen Leute gucken in den gemütlichen Fußgängerzonen der Altstadt und dann ab zur Metro, die uns ohne weitere Eskapaden ins heiß ersehnte Bus-Bettchen bringt.

30. Juni, Barcelona 9 Uhr
Endlich mal wieder richtig ausgeschlafen beschließen wir die noch bevorstehenden 15 Stunden Fahrt bis Guincho auf später zu verschieben und lieber nochmal in die Stadt zu fahren. Beeindruckt sind wir vor allem von der Sagrada Familia, eine der wohl imposantesten Kirchen der Welt im Herzen Barcelonas, die selbst für Kulturbanausen wie Tobi durch ihre abwechslungsweise und gigantische Bauweise als sehenswert einzustufen ist.

Beim Mittagessen amüsieren wir uns köstlich bei der Begutachtung der abertausend anderen Touris, die zunehmend verzweifelt immer kreativere Sonnenschutz-Varianten testen, während sie in der prallen, spanischen Mittagssonne in der Eintrittsticket-Schlange der Kirche (die 18 Euro pro Nase sparen wir uns) dahinschmelzen, sich bei ihren Gruppenfotos gegenseitig im Weg stehen, aufs Display gegen die Sonne starrend über den Haufen rennen oder beim Selfiestick-Gefuchtel fast die Augen ausstechen und die Frisur zerzausen. Gut gelaunt sowie gestärkt machen wir uns dann gegen Abend wieder auf die Autobahn. Unseren nächsten, eigentlich geplanten Stopp Madrid erreichen wir um 3 Uhr früh, doch nach ausreichend Schlaf ist Tobi diesmal fahrtechnisch richtig gut drauf. Das hat höchst wahrscheinlich aber auch mit der guten Windvorhersage für Guincho die nächsten Tage zu tun, sodass wir spontan beschließen genug „sightgeseet“ zu haben und doch einfach weiterballern, ganz getreu Tobis Anti-Kultur-Motto „Kennst du eine (spanische) Großstadt, kennst du alle.“

1. Juli, Lissabon – Guincho, 15 Uhr
Endlich an der Küste angekommen, fällt auch Lissabon beim Durchqueren vorerst diesem diesem Motto zum Opfer, denn das Boardhead-Gen hat angeschlagen und produziert wohl im Dauerfeuer das unter den Betroffenen sehr verbreitete Windsuch-Hormon „Ventolin“. Häufigste Symptome dieses Erregungszustandes bei infizierten Windsurfern sind steigende Anspannung, hohes Stresslevel, hektisches Zucken des Blickes zu sich im Wind biegenden Baumwipfeln sowie das zunehmende Durchdrücken des Gaspedals, insbesondere sobald die eingebaute Kompassnadel auf „Spot in unmittelbarer Nähe“ steht. Dank Navi, Spotguide und ausreichender Beschilderung finden wir tatsächlich zeitnah zum Worldcup-Windsurfspot Guincho. Und es ballert, juhuuu! Vom großen Parkplatz auf den Aussichtspunkt an der kleinen Steilküste gehastet, bekommt unsere aufgebauschte Vorfreude aber leider gleich wieder ein Loch, ungefähr so groß wie das Windloch, das der 1 km auf dem Meer draußen tosende Sturm hat: der Spot liegt in der totalen Windabdeckung, aaaaahhhhhh.

Einige Locals beruhigen uns und meinen, das sei ganz normal und der Wind drehe meistens gegen Abend erst in die Bucht rein. Als es dann gegen 17 Uhr endlich so weit ist, zwängen wir uns in die äußerst ungewohnten Neoprenanzüge, die man hier leider zwingend benötigt, denn der Atlantik lässt mit seinen mageren 14 Grad Wassertemperatur hier im Juli sogar Walchensee und Gardasee als warme Lache dastehen. Brrrrrrrrr! Anfangs sieht es gut aus für die 5er Segel. Als wir aufbauen, fällt unsere Wahl dann schon auf das 4.3er und als wir gespornt und gestiefelt am Strand ankommen, können wir unseren Augen kaum trauen. Der Wind hat innerhalb von einer halben Stunde tatsächlich endlich in die Bucht gedreht, allerdings auch so zugelegt, dass es uns trotz unserer immensen Segel- und Brettauswahl nicht möglich ist aufs Wasser zu gehen.

Tja, vielleicht hätten wir statt dem neuen 4.3er doch lieben ein 3.4er Segel kaufen sollen. Mit einer 4 vorne dran geht jetzt jedenfalls keiner mehr aufs Wasser, da der aus Norden kommende Nortada die 50 Knoten nun längst geknackt hat, grrrrrrrr. Satz mit x, das war wohl nix. Wir bestaunen noch eine Weile den tosenden Orkan, das Flugwasser an den Wellenkämmen bzw. die wenigen Flug-Surfer über den Wellen und die über den Strand fetzenden Sandwehen, dann ziehen wir etwas entgeistert ab Richtung 10-Minuten vom Spot entfernten gepflegten Orbitur-Campingplatz – unser hoch geschätztes Quartier für die nächsten Tage.

2. Juli, Cascais – Guincho, 10 Uhr
Die ganze Nacht lang hat es sogar am etwas windgeschützten Campingplatz so gewindet, dass wir schon Angst hatten, wir wären am nächsten Morgen unter der vorgelagerten Wanderdüne begraben. Also sofort ab zum Spot und die Bedingungen checken. Am Südende der Bucht auf dem Ausblick am Hotel Muchaxo angekommen schaffen wir es schon zu Fuß fast nicht gegen den Wind anzukommen. Kein Mensch draußen, 17 Grad (bzw. gefühlte 9 Grad) Lufttemperatur und das ganze Meer weiß, zerfetzte Wellenberge und Wind, sehr viel Wind… viel zu viel Wind. Heute wird’s also auch nichts mit Guincho für uns verwöhnte Warmwassersurfer, aber wir geben uns natürlich noch nicht ganz geschlagen.

Für genauso einen Fall wurde im Spotguide doch ein Ausweichspot vorgeschlagen. Ca. 45 Minuten nördlich liegt das touristische Städtchen Ericeira, genauer gesagt unser Ziel, der Praia do Matadouro. Angeblich hat es hier immer 3-4 Windstärken weniger als in Guincho und noch dazu viel schöner laufende Wellen. Alternativ gäbe es noch Ribeira d’Ilhas, 5 Minuten weiter nördlich, allerdings quellen hier sowohl Strand, als auch das Wasser über an Wellenreitschulen mit 10 Surfanfängern pro Lehrer, die sich gegenseitig ihre Foamboards um die Ohren hauen. Weiter draußen hinter dem Weißwasser im traumhaft cleanen Break des Strandes findet man nochmal dasselbe Surfergewimmel, allerdings einige Könnensstufen höher, sprich: va. Locals mit Shortboards, die laut Hörensagen oft angeblich wenig zögern, Windsurfer gezielt von „ihrem“ Wellenpeak zu verscheuchen.

11 Uhr, Ericeira – Praia do Matadouro
Diese Klopperei um die Wellen brauchen wir nicht und erhaschen darum lieber glücklich den letzten der wenigen Parkplätze am kleineren, von Klippen eingerahmten Strand Matadouro. Hier sollte man (insbesondere am Wochenende) unbedingt vor 9.30 Uhr kommen, wenn man sein Material nicht vom Quicksilver-Parkplatz oberhalb der Straße bis zum Wasser tragen will, da auch hier pünktlich um 10 Uhr mindestens 5 Surflehrer mit ihrem zahlreichen Neopren-Pinguin-Gefolge und Schaumbrettern im Schlepptau ihren Dienst am und im Wasser antreten. Unsere Sorgen über Macken im Auto bleiben trotz sehr engem Parkplatz und tausenden knapp am Lack vorbeisausenden Finnen bzw. Gabelbäumen glücklicherweise unbegründet. So starten wir also endlich die „lang ersehnte“ erste Wellensession in Europa. Und wir werden reich belohnt: der Spot verwöhnt uns mit moderaten, Maui-ähnlichen Bedingungen, sodass wir uns erst mal gemütlich an die kraftvollen Atlantikwellen gewöhnen können.

10. Juli, Guincho
Nachdem die Wind- und Wellenausbeute in der nächsten Woche in Guincho ziemlich enttäuschend zwischen Flautenschwimmen, Waschmaschinen-Spülgängen und Verletzungs- sowie Materialschrottungs-sicheren, böigen Onshore-Orkansessions mit immer monströser werdenden Sets schwankte, entschieden wir uns für die folgende gute Nortada-Vorhersage unseren Standort fest nach Ericeira zu verlagern. Denn über 10 Wellen in einem Set mit bis zu guten 5m hohl tunnelnden Wellen vertrieben dann irgendwann auch die draufgängerischsten Windsurfer aus dem brodelnden Nass vor Guincho. Und wir müssen sagen: beste Entscheidung ever! Denn Guincho wurde mit seinem äußerst böigen und spät einsetzendem (meist Stark-) Wind, sowie seinem sehr kappeligen Wasser und (während unserer Anwesenheit) kaum laufenden oder reitbaren Wellen kein Spot, den wir nochmal anfahren würden. Folgende Bilder verdeutlichen das typische Bild Guinchos ohne große Worte:

Praia do Matadouro
Wir können in den nächsten Tagen und Wochen tatsächlich noch einige traumhafte Wave-Sessions an diesem kleinen Strand bei Ericeira – mit maximal 6 anderen Windsurfern auf dem Wasser! – allerdings anfangs gleich einmal mit über-masthohen Wellen (was uns nach 3 Monaten Wave-Pause ohne Einfahren dann doch fast etwas zu groß war für den Einstieg) und einige Male mit grenzwertig wenig Wind (Wasserstart undenkbar), sodass für nicht-Profis nur selten ein schöner Wellenritt zu erwischen war.

Tatsächlich verspricht Matadouro bei guter Nortada-Forecast mit ca. 20 Knoten Grundwind und je nach Wellenperiode ab 1,5m Swell-Vorhersage aber absolute Sahne-Bedingungen, die in dieser Qualität in europäischen Gefilden wohl nicht oft zu finden sind: wir hatten an insgesamt 4 Tagen so richtig Spaß in paradiesischen Konditionen, mit guten 2 Meter Wellen, die sich über den nördlichen Riffplatten aufstellen und bis zu den mittig herausragenden Felsen Minimum 3 Turns auf ziemlich clean laufenden Hängen erlauben. Richtige Könner mit sehr geschultem Auge für die perfekte Welle wurden sogar schon bei ihren 8 Turns mit neidigen Blicken verfolgt. Oft setzte der Wind gegen Mittag relativ konstant und gschmeidig für 5.3er – 4.3er Segel ein und ließ spätestens um 18 Uhr stark nach.

Die Tide verändert das Bild der Bucht hier extrem: zwar gibt es bei High-Tide an 2 Stellen fiese Felsbrocken, die sich dann bis zum Ansetzen des Bottom-Turns sehr gut unter der Wasseroberfläche verstecken. Sie können dem Material ein böses Ende setzten, wenn man nicht weiß, wo sie sitzen, also unbedingt vorher von Locals zeigen/ erklären lassen! Dafür kann man bei Flut aber relativ weit auf die Riffplatte ausweichen, wenn ein größerer Wasserberg hinter einem hersetzt.

Entgegen der Empfehlung im „Spotguide Europe“ haben wir uns an den letzten beiden Tagen auch bei absolutem Niedrigwasser in die Wellen gewagt. Dann ist zweifelsohne äußerste Vorsicht über den Riffplatten geboten, die dann die ersten 20 Meter blank, rutschig sowie mit vielen Bänderriss-prädestinieren Löchern aus dem Wasser ragen und wegen ihrer geringen Neigung auch im Break teils nur sehr wenig Platz unter den Finnen lassen. So ist ein „Davonlaufen“ vor großen Wellen am Nordende der Bucht nur noch auf sehr starkem Raumwindkurs Richtung Sandstrand möglich, ohne sich die Finnenkästen ruckartig auszubauen. Wenn man den Spot, die Grundströmungen, Untiefen und risikofreien „Wartezonen“ allerdings kennt, kann man auch bei absolutem Niedrigwasser die wundervollen Wellen rippen ohne Leib und Leben in Gefahr zu bringen.

Leider müssen wir einräumen: für das geliebte Material kann der Spot jedoch bei jeder Tide schnell den potentiellen Endgegner bedeuten, wenn man es über der Riffplatte im seichten Wasser verliert. So forderte Matadouro tagtäglich seine kostspieligen Opfer von Locals, wie auch von Neulingen – sei es das komplette Finnen-Setup, die Hälfte des Hecks von Lanis geliebtem Quad oder Masten, die der Riffplatte zum Opfer fielen. Aber das waren uns die schönen Wellenritte wert.

Den Campingplatz in Ericeira haben wir nach 2 Testtagen als nicht gewinnbringend abgehakt: zwar bekommt man für mickrige 16 Euro in der Hauptsaison sehr viel (fast zu viel) Platz auf dem sehr weitläufigen und langgezogenen Gelände, sowie top Sanitäranlagen und heiße Duschen. Wifi, Restaurant, Einkaufsmöglichkeit, abends-nett-zusammensitz-Platz oder Pool sucht man hier (im Gegensatz zum Orbitur-Camping in Guincho) allerdings vergeblich. So erschien uns der einzige Vorteil der heißen Dusche für 16 Euro doch etwas unverhältnismäßig. Noch dazu, da wild Campen in Portugal absolut kein Problem darzustellen scheint. An vielen (oft wunderschön mit Meer- und Sonnenuntergang-Blick gelegenen, sowie meist sauberen und ruhigen) Parkplätzen sammeln sich abends zahlreiche „dicke Brummer“ – von 70er-Jahre Bullis bis zu Monster-Wohnmobilen – zum friedlichen nebeneinander Stehen bzw.  Schlafen. Eine provisorische Dusche ist nach Baumarkt-Besuch darum schnell aus Kanister, Schlauch und Karabiner zwischen die offenen Hecktüren gebaut, erspart uns die nächsten Tage viel Geld und verschafft uns unbezahlbare, idyllisch gelegene Schlaf- und Frühstücks-Plätzchen entlang der portugiesischen Küste.

15. Juli, Lissabon
Die in vollen Zügen ausgenutzten fetten Nortada-Tage sind erstmal vorbei und da der Wind die nächste Woche laut Vorhersage richtungsmäßig äußerst kreativ sowie schwächlich ist, beschließen wir, vorerst einen Sightseentag in Lissabon einzulegen. Da wir in Erfahrung gebracht haben, dass die Parkplatzsituation in der Innenstatt relativ katastrophal ist, suchen wir in weiser Voraussicht einen Parkplatz außerhalb, um mit dem Zug in die Stadt zu fahren. Leider gestaltet sich auch die Suche im Lissabonner Einzugsgebiet nicht viel weniger katastrophal und wir triefen ohne den kühlenden Wind schon als wir endlich in den Zug steigen.

Gute 20 Minuten später steigen wir in Lissabon am Hauptbahnhof aus. Bestens informiert wie immer haben wir natürlich keine Ahnung, was wir sehen wollen oder sollten und wo es hingeht. Also erst mal in die nächstbeste Touristeninfo und eine Stadtkarte besorgt. Auf der befinden sich so viele Markierungen, Tipps und „Must-Sees“, dass man fast keine normalen Gebäude mehr erkennen kann. So fragen wir kurzerhand den netten jungen Mann am Schalter, was er persönlich denn anschauen würde, wenn er nur einen halben Tag Zeit hätte. Er zeigt auf einen großen Platz, von dem wir dann hoch zur Burg laufen können. Hört sich nach `nem Plan an, der uns gefallen könnte. Auf los geht’s los. Der besagte Platz, in dessen Mitte eine Reiterskulptur aus Bronze steht, ist relativ groß, heiß und gar nicht mal so überfüllt. Warum auch, gibt ja nicht viel zu sehen, außer Wasser auf der einen und Häuser auf der anderen Seite, würde Tobi jetzt sagen. So beschließen wir gleich weiterzuziehen auf die Burg, die einen der beiden Hügel krönt, von denen Lissabons Altstadt eingerahmt wird. Der Anstieg ist bei über 35 Grad im Schatten nicht ohne, sodass wir die voll besetzten, netten alten Straßenbahnen und überladenen TucTucs, die uns ständig überholen zwischendurch schon etwas sehnsüchtig beäugeln. Auf dem steilen Weg nach oben passieren wir zahlreiche alte und noch ältere Kirchen (teils mit Erbauungsjahr 1406, wie Lani in Erfahrung bringt) und deren herausquellende Menschentrauben. Die Hitze macht heute sichtbar allen zu schaffen und wir beschließen, kurz vor dem Ziel eine kleine Pause im Schatten der Burgmauer zu machen und die anderen Touris sowie die äußerst Interessanten Verkaufsstrategien der Souvenier- bzw. Straßenverkäufer genauer zu beobachten.

Nach einer knappen Stunde ordentlicher Gaudi mit Letzteren hat Lani dann natürlich auch ein neues, angeblich original kenianisches Armbändchen. Gestärkt geht es weiter bis zum Burgeingang, wo wir vor dem Durchgehen nach unseren Tickets gefragt werden. 20 Euro pro Person! Wir wollten die Burg ja eigentlich nur ansehen und nicht gleich kaufen, also beschließen wir uns auf Tobis „Kennst du eine kennst du alle“-Philosophie zu verlassen. In Nürnberg haben wir ja schließlich eine Burg, die sich (auch ohne Eintrittsgeld) wirklich sehen lassen kann! Pffft! Das können wir selber!

Auf dem Rückweg laufen wir quer durch die Innenstadt, die an den ein oder anderen Ecken und sogar großen, ehemals pompösen Plätzen einen leider nicht sehr gepflegten und renovierten Eindruck macht. Für eine Hauptstadt haut uns dieses Antlitz irgendwie nicht wirklich vom Hocker. Das fällt uns wohl aber gerade deshalb so negativ auf, weil man in Portugals Hinterland mit seinen stets top gestrichenen und Instand gehaltenen, süßen kleinen weiß-blauen Häuschen sonst eher im positiven Sinne ins Staunen kommt.

Auf dem Weg durch die Altstadt laufen wir auch an einem abenteuerlich anmutenden, alten Aufzug auf den zweiten Hügel von Lissabon vorbei. Die in der Sonne brütende Touristenschlange bestätigt uns, dass es sich hierbei um Lissabons zweites Haupt-Highlight handelt. Allerdings ist an diesem Tag das Fahrtgeld für die 20 Stufen wohl besser in ein kühles Getränk investiert. Also nochmal Beine in die Hand und raufmarschieren. Oben angekommen, überzeugen uns die schönere Stadtteile, mit ihren schönen Kaffees und tollem Ausblick auf die schicke portugiesisches Variante der Golden-Gate-Bridge, die den Rió Tajo überspannt. Dort versumpfen wir ein zweites Mal beim Leutegucken und verratschen uns mit einem unserer französischen Windsurfer-Spezl aus Guincho, dem wir kurz zuvor über den Weg gelaufen sind, bevor wir uns müde und sattgesehen haben.

Auf dem Weg zum Bahnhof bleiben haben wir dann noch an einem kulturellen Schmankerl der besonderen Art hängen: wir haben das große Glück genau heute Abend in den Genuss einer kostenlosen, abendfüllende Darbietung des portugiesischen Staatsorchester, -chors und zweier Weltklasse-Solisten zu kommen, die Lani in regelmäßigen Abständen die Gänsehaut aufstellt und das Blut in den Adern gefrieren lässt. Überaus zufrieden von diesem erfolgreichen Sightseeing-Tag und vor allem mit seinem beeindruckenden Abschluss tuckern wir mit dem Zug schließlich endlich gen Busbettchen.

16. Juli Lissabon
Da sich die Windvorhersage nicht wesentlich verbessert, hat beschließen wir für ein paar Tage in den Süden Portugals an die Algarve zu fahren, wo wir uns traumhafte Surfstrände und wärmeres Wasser erhoffen. 4 Stunden später sondieren wir erst mal die Gegend um Sagres bis zu den hohen Steilklippen um das Cabo da Sao Vincente herum ab. Der von bis zu 70 Meter hohen Felswänden und steinernen Inseln eingefasste Strand von Tonel tut es uns besonders an, sodass wir ihn für unsere Sundowner-Surfsession auserwählen. Bis die Sonne hinter dem Horizont versinkt genießen wir das tatsächlich viel wärmere Wasser und schöne kleine, aber steile Wellen. Besonders begeistert uns hier im portugiesischen Süd-Westen neben den märchenhaften Strand-Landschaften auch, dass alles voll auf Wildcampen ausgelegt ist: Münz-Waschmaschinen und –Trockner, sowie Frisch- und Abwasser-Stellen an jeder Tankstelle sowie zig Camper-Parkplätze (oder zumindest keinerlei Verbotsschilder) an den schönsten Aussichtspunkten über den Steilklippen. Wir fühlen uns sofort heimisch und verbringen 5 wundervolle Tage hier um Sagres herum mit mindestens 2 Surfsessions täglich.

20. Juli, Sagres, Lanis Geburtstag
Zum Glück konnte Tobi am Vorabend noch auf den letzten Drücker ein Geburtstagsgeschenk beim Reinfeiern in einem der vielen Surf Camps organisieren, zu dem praktischerweise auch ein Reitstall gehört: so beginnt der Tag zu Lanis allergrößter Überraschung und Freude mit einem Geburtstagsausritt über die abgelegenen Hügel im Küstenhinterland. Kaum fertiggefreut über das 1. Geschenk beschert der Nortada-Wind Lani schon die 2. Überraschung: eine Runde Freestyle-Windsurfen im Bikini-warmen Wasser in der wunderschönen Bucht vor Marthinal, wo der Nortada heute freundlicherweise mit guten 5 Windstärken ablandig über das spiegelglatte, türkise Wasser heizt. Da der Wind hier an der Südküste Portugals thermisch verstärkt wird, reicht es so sogar für unsere 5er Segel, juhuuu! Eine äußerst willkommene Abwechslung zu den Adrenalin-geprägten Wave-Sessions bei Lissabon. Zu unserer nicht allzu großen Überraschung sehen wir hier natürlich auch – wie sollte es anders sein – unseren wandelnden Europa-Spotguide und Thermik-Experten Wolfi Strasser endlich mal wieder und freuen uns beim after-Surf-Ratscher über die neuesten Updates, News und Tipps zu Europas Freestylespot-Schmakerl.

Wir sind zwar eigentlich schon recht durch mit der Welt für heute, aber wie oft hat man schon Gelegenheit im Leben (und dann auch noch an Lanis Geburtstag!) zu so einem Triple an einem Tag. Denn Geschenk Nummer 3 wartet schließlich mit gschmeidigen 1,5 Meter Wellen an der Westküste der Algarve auf uns. Also ab zu einem der umwerfendsten Meeresbucht-Blick-Campingplätzen (kostenloser! Parkplatz mit Kiosk und Toiletten-Containern) Europas auf der Anhöhe vor dem traumhaften Praia do Amado, der in den letzten Tagen zu unserem absoluten Lieblingsort hier unten mutiert ist.

Platt aber trotzdem voller Vorfreude zwängen wir also in die Neoprenanzüge, schnappen uns unser in Ericeira für 250 Euro gebraucht erstandenes Malibu-Surfboard und das River-SUP und steigen die Treppen zum Strand hinunter. Fast 2 Stunden später fallen uns die Arme endgültig ab und wir taumeln überglücklich im Sonnenuntergang hinauf zum verdienten Geburtstags-Barbecue und lieb gewonnenem Summersby-Cider vor der Poster-Kulisse von Amado. Was für ein gigantischer und unvergesslicher Geburstag!

21. Juli, Sagres
Die Windvorhersage im Norden steht endlich wieder auf grün, was der arme Turbolader unseres Ducatos natürlich sofort zu spüren bekommt. Bereits am Nachmittag sind wir also wieder an unserem Lieblingsspot Matadouro in Ericeira angekommen rippen das „Mini-Kanaha“ die nächsten Tage nochmal wie die Großen, bis die Finger wund sind. Hurrraa!

24. Juli, Ericeira
Der Wind hat sich erneut ausgepustet und wir beschließen in den folgenden, windlosen Tagen einen Trip weiter in den Norden nach Peniche, ca. 2 Stunden nördlich zu machen. Diese Gegend gilt als absolutes Surferparadies mit seinen cleanen Breaks bei Supertubos und Baleal, die auf der ganzen Welt bekannt sind.

25. Juli, Peniche Baleal
Nach einer eher unruhigen Nacht auf dem Discoparkplatz am Strand von Baleal, den wir unwissentlich um 22 Uhr als Schlafplatz gewählt haben, um dann um 3 Uhr morgens doch die Flucht in ruhigere Wohngebiete anzutreten, beginnt der Tag eher verschlafen. In Portugal beginnt man wohl erst ab 0 Uhr mit dem Vorglühen und feiert dann von 2 – 6 Uhr in der Früh. Naja, im Nachhinein ist man immer schlauer… Die brummenden Subwoofer- sowie Auspuffanlagen und Driftgeräusche der Jugendlichen in ihren Möchtegern-Poser-Karren, die ab 1 Uhr früh in die selbst gestellte „Open-Air-Strand-Auto-Disco“ starten und sich dort gegenseitig Kampf-beschallen, dröhnen noch in unseren Köpfen.

Wir machen einen ausgiebigen Spaziergang entlang der Strandpromenade von Baleal und sehen uns die umliegenden Surfspots an. Nach einigen Metern müssen wir mit großen Augen feststellen, dass der Schirmwald am Ende des Parkplatz kein Markt, sondern der völlig überfüllte Strand ist. Muss man mögen, sich um jeden Zentimeter Parkplatz, Strand und Welle zu Prügeln. Aber hilft ja nix, dann erst mal rein ins Surfergetümmel. Die Wellen sind gar nicht mal so klein, geschweige denn sanftmütig oder langsam brechend, sodass wir nicht gerade mit einer bomben Wellenausbeute glänzen können (4 Wellen in einer Stunde sind nicht gerade ermutigend). Das Rauspaddeln durch die garstige Brandung mit sehr kurzen Abständen zwischen den Weißwasserwalzen raubt uns schon nach kurzer Zeit jegliche Kraft und die vielen anderen Surfer dann auch noch die Motivation, da alle guten Wellen sofort besetzt sind. So beschließen wir am nächsten Tag den Nachbarstrand zu testen.

26. Juli Peniche
Gut gedacht, schlecht gemacht, denn auch am vermeintlich leereren Nachbarstrand in der lang gezogenen Bucht vor Peniche ist es in jedem machbaren Break einfach nur proppenvoll. Dazu brechen die Wellen oft sehr schnell und lassen sich nur selten in eine Richtung vernünftig abreiten. Trotzdem erwischen wir hier zumindest ein paar schöne Wellen und kommen zumindest auf ein recht ausgeglichenes Paddel-Spaß-Verhältnis. Wir müssen wohl oder übel einsehen, dass wir wohl heillos verwöhnt sind von den Sahne-Wellenreit-Bedingungen an Australiens Ostküste. Wenn sie nur nicht so weit weg wäre…

Zu unserem großen Glück erkennt der Windgott wohl unser Hadern mit dem portugiesischem Wellenreit-Spaß im kalten Atlantik und gibt uns noch ein letztes Mal vor Abreise den Daumen hoch für Guincho. Und so mutiert unser Fiat vorübergehen wieder mal zum Ferrari und lässt die Pferdchen so schnell wie möglich nach Lissabon rasen.

27. Juli, Guincho
Leider ist der Wind diesmal nicht stark genug für unseren Lieblingsspot Ericeira, deshalb fahren wir gezwungener Maßen nach Guincho, wo es natürlich mal wieder ballert. Der Wind kommt diesmal noch auflandiger als in den ersten Tagen unseres Aufenthaltes, direkt aus Wellenrichtung. Dies führt dazu, dass man vor der Welle und in der Bucht wieder einmal kaum Wind hat, sodass eher Waschmaschinen-Sessions mit Schleudergängen auf der Tageskarte stehen, falls man überhaupt hinaus kommt. Denn die Strömung, die in Jogg-Geschwindigkeit in Fahrrichtung Richtung Felsen zieht, nimmt einem dann das letzte Bisschen Druck aus dem Segel auf dem Weg durch die Weißwasser-Brandung nach außen in den Hack. Mitnehmen müssen wir diesen letzten windigen Tag natürlich trotzdem, sodass wir erst mal ausgesurft, erschöpft und sehr zufrieden mit diesem Roadtrip am nächsten Tag den Heimweg antreten können.

28. Juli Madrid
Schlau, wie wir sind, starten wir gleich früh Richtung Spanien, um der Mittagshitze zu entgehen. Leider entgeht der Hitze an diesem Tag gar nichts bei 38° im Schatten und keinem Brösel Wind. Der Asphalt, die spanische Wüstenlandschaft zwischen Badajoz und Madrid sowie unser Duke, der sich ziemlich schnell in eine Sauna verwandelt hat, garen uns in kürzester Zeit. Da Lani Tobis kreativen Vorschlag mit einem Pfefferminzaufguss überm Armaturenbrett abgelehnt hat, beschließen wir, einen halben Tag Schattenhüpfen-Sightseeing in Madrid einzulegen, um der Sonne kurzfristig zu entgehen und uns die Füße zu vertreten. Ein Parkplatz in Innenstadt-Nähe ist überraschender Weise sogar schnell gefunden, doch welcher Saunameister begibt sich bei diesen Temperaturen auch freiwillig in eine Großstadt.

Überinformiert wie immer hangeln wir uns von der Kühlgetränke-Abteilung der Supermärkte über Eisstände und dem klimatisierten goldenen M durch die Stadt. Ein paar schöne Plätze und nette Eckchen der spanischen Hauptstadt tun es sogar Tobi an und zum Leute-Gucken gibt’s natürlich Gelegenheiten im Überfluss. So haben wir die ärgste Hitze-Phase doch ganz gut überbrückt. Tobi noch zweifelt zwar noch, ob man die ekelhafte Wüsten-Strecke nicht doch in einem Rutsch hinter sich bringen hätte sollen. Jedoch muss er einräumen, dass wir dann wahrscheinlich schon als zwei Brathähnchen in Frankreich ausgestiegen wären. Also setzten wir unsere Fahrt nun in der „Kühle“ (34°) der Dämmerung fort, bis Asphalt und Motor das Nachglühen irgendwann um 2 Uhr morgens sein lassen und uns ein paar wenige Stunden Schlaf erlauben.

29.Juli Barcelona
Da die Nacht im italienischen Pizzaofen auf vier Rädern demnach nicht so erholsam war und wir absolut nicht motiviert auf eine weitere von dieser Sorte sind, beschließen wir unseren Fiat so schnell wie möglich ohne weitere Zwischenstopps nach Hause an den Gardasee zu bringen. Dort springen wir zwei Tauchsieder als erste Amts-Tat euphorisch in das kühle, nicht salzige, klare Wasser. Überglücklich wieder wohl und munter in unserer Fast-Heimat angekommen zu sein, verschafft uns der Lago sogar noch einige gute Freestyle-Sessions und erlaubt uns, unsere 7-monatige Abenteuer-Weltreise hervorragend entspannt und unter vielen Freunden ausklingen lassen bevor es wieder in die Meer-lose bayerische Heimat geht.

Der perfekte Abschluss für eine großartige und unvergessliche Reise voller Wunder, beeindruckender Menschen und himmlischen Orten auf Erden. Wir sind überglücklich, dass wir dieses fantastische halbe Jahr in die Realität umsetzten und auskosten konnten und freuen uns schon jetzt unbeschreiblich auf die nächsten Trips.

Und da wir nicht gestorben sind, surfen wir noch heute…  😉

Großer Dank gebührt abschließend natürlich unseren Sponsoren
Windinfo.eu, Gloryfy Unbreakable und Timezone!

Videos zum Roadtrip:

 
TIMEZONE
Glorify Sunglases
windinfo.eu